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Wettbewerbs
Der Wettbewerb 2026/27 läuft

Einen Essay schreiben

Ein Leitfaden von den ersten Ideen bis zum kritischen Blick auf das fertige Produkt.

Zwischen dem Tag, an dem du dir eines der vier Zitate aussuchst, und dem 19. November liegen ein paar Wochen. Der Abend, an dem der Text dann wirklich entsteht, ist davon der kürzeste Teil. Nutz den Rest.

Was hier steht, sind Angebote. Wer sie übergeht und trotzdem etwas Gutes schreibt, hat recht behalten.

Was die Jury liest

Fangen wir mit dem an, was am häufigsten schiefgeht. Ob die Jury deiner These am Ende zustimmt, spielt für die Bewertung keine Rolle.

Das ist leicht gesagt und schwer zu glauben, wenn man vor einer steilen Behauptung sitzt und ahnt, dass sie jemandem gegen den Strich geht. In den Bewertungskriterien steht davon aber nichts. Ein sorgfältig begründeter Gedanke, dem die Jury widerspricht, kommt weiter als einer, dem sie zustimmt und der unbegründet dasteht. Gefragt wird, ob du die Vorlage wirklich durchdrungen hast, ob deine Begründung trägt, ob der Text einem erkennbaren Gang folgt und ob du Einwände gegen dich selbst ernst nimmst.

Zwei Sorgen erledigen sich damit gleich mit. Der Vorlage widersprechen musst du nicht, denn Zustimmung ist eine ebenso gute Antwort, solange du den Gedanken weiterführst und nicht bloß wiederholst. Und du musst auch keine neue Lehre erfinden. Verlangt ist eine begründete Position, keine Schulgründung.

Ehe du anfängst

Lies die Vorlage mehrmals. Beim ersten Mal geht es um den Gesamteindruck, danach um die Stellen, an denen etwas nicht aufgeht.

Dann sammle ungeordnet, was dir einfällt; eine Mindmap reicht dafür völlig. Drei Zugänge lohnen sich fast immer:

  • Deine eigene Erfahrung. Was hast du mit dem Problem zu tun? Welches Gefühl löst der zentrale Begriff bei dir aus?
  • Dein Wissen. Was aus dem Unterricht lässt sich hier gebrauchen?
  • Bücher, Filme, Geschichten. Woran erinnert dich das Thema? Welche Bilder tauchen auf?

Das meiste davon landet nie im Essay. Es hilft trotzdem, weil du das Thema danach mit eigenen Augen ansiehst und nicht mehr nur mit denen des Verfassers. Wirf die Zettel nicht weg, bevor der Text steht.

Eine These, keine Absichtserklärung

Kläre als Nächstes, worum es eigentlich geht. Oft lohnt es sich, ein oder zwei zentrale Begriffe genauer zu fassen; eine saubere Definition ist das Anspruchsvollste, eine Erläuterung tut es meistens auch. Auf welche Frage antwortet der Text überhaupt? Auf welches Problem reagiert er?

Du darfst das Thema eingrenzen. Sag es dann aber in der Einleitung.

Such dir den Aspekt, der dir wirklich etwas bedeutet, und formuliere dazu deine Hauptthese. Möglichst einfach, möglichst kurz.

Achte darauf, dass daraus wirklich eine These wird. „In diesem Essay untersuche ich, ob Freiheit ohne Verantwortung denkbar ist“ kündigt Arbeit an. Widersprechen kann dem niemand. „Freiheit ohne Verantwortung ist denkbar, aber sie wäre nichts wert“ behauptet etwas; der Satz ist angreifbar, und genau deshalb lässt sich für ihn argumentieren. Schreib deinen eigenen Satz einmal in beiden Formen auf, dann siehst du den Unterschied sofort.

An dieser Stelle gehen die Ratschläge auseinander. Manche Lehrkräfte empfehlen, die These erst zum Schluss zu formulieren, wenn man weiß, was man eigentlich denkt. Das funktioniert, kostet aber einen kompletten Durchgang. Ich würde früh eine hinschreiben und sie später ändern, falls sie sich nicht hält. Stimmen muss sie noch nicht, sie muss nur eine Richtung geben.

Fair denken, stark argumentieren

Prüfe, ob die Vorlage mehrere Lesarten zulässt, und nimm im Zweifel die stärkste. Dahinter steht ein Grundsatz, der weit über den Wettbewerb hinausreicht:

Jede Position verdient es, ernst genommen, fair behandelt und so stark gemacht zu werden, wie es nur geht.

Wer sich daran nicht hält, baut sich Gegner, die leicht umzuwerfen sind, und gewinnt damit nichts. Trag also Pro und Contra zusammen, zur Vorlage genauso wie zu deinen eigenen Sätzen. Ein Kniff, der erstaunlich gut funktioniert: die Vorlage zweimal lesen, einmal ausgesprochen wohlwollend, einmal betont misstrauisch. Man merkt danach ziemlich schnell, welche der beiden Lesarten mehr hergibt.

Achte dabei auf die Art der Frage. Manches lässt sich empirisch klären, durch Beobachtung, durch Daten, durch Wissenschaft. Anderes ist eine Frage der Reflexion und bleibt es auch dann noch, wenn alle Daten vorliegen. Diese beiden Ebenen zu verwechseln, ist vermutlich der häufigste Denkfehler überhaupt. Ob es Willensfreiheit gibt, entscheidet kein Experiment, auch wenn die Hirnforschung das gelegentlich nahelegt.

Bevor du zustimmst oder widersprichst, nimm die Vorlage auseinander. Vier Fragen führen fast immer irgendwohin:

  • Was setzt der Satz voraus, ohne es auszusprechen?
  • Widerspricht er sich an irgendeiner Stelle selbst?
  • Trägt seine Begründung wirklich den Schluss, den er zieht?
  • Was folgte daraus, wenn er recht hätte? Wäre das noch annehmbar?

Die erste ist die ergiebigste. Wer eine unausgesprochene Voraussetzung freilegt, hat meistens schon sein bestes Argument gefunden.

Umgekehrt gilt dasselbe für dich. Nenne die Voraussetzungen, auf denen du selbst stehst. Zwei Sätze reichen dafür.

Zwischen Beispiel und Prinzip

Ein guter Essay wechselt zwischen dem Konkreten und dem Allgemeinen. Beispiele aus dem Alltag, aus Büchern, aus Filmen machen einen Gedanken sichtbar. Beim Einzelfall stehenzubleiben reicht aber nicht; wage auch Sätze, in denen du ein Prinzip formulierst.

Aufbau mit einem Ziel

Bau deinen Essay so, dass er sein Ziel erreicht, nämlich die Leserin von deiner Hauptthese zu überzeugen.

  • In der Einleitung nimmst du sie für das Thema und für dich ein. Welche Frage ist zu klären?
  • Im Hauptteil führst du sie Schritt für Schritt und lädst sie ein, deinen Argumenten zu folgen.
  • Für den Schluss hebst du dir einen wirkungsvollen Gedanken auf. Langweile nicht mit einer Wiederholung aus dem Hauptteil und irritiere nicht mit einem Argument, das hier zum ersten Mal auftaucht.

Sag früh, was du behauptest und wie du vorgehen willst, und halte dich dann daran. Zwei Sätze genügen dafür: „Ich halte diese Behauptung für zu eng gefasst. Dagegen spricht erstens …, zweitens …; auf den nächstliegenden Einwand komme ich jeweils gleich zu sprechen.“ Die Leserin weiß danach, woran sie ist. Und du hast dir einen Weg gebaut, von dem du nicht so leicht abkommst.

Ein Gang, der sich bewährt hat:

  • These
  • erstes Argument, dann der Einwand dagegen, dann deine Antwort
  • zweites Argument, wieder mit Einwand und Antwort
  • Schluss

Wichtig ist dabei die Stellung der Einwände. Jeder gehört zu seinem Argument und nicht in einen Sammelabschnitt am Ende. Wer erst alles behauptet und die Einwände nachreicht, zwingt die Leserin zum Zurückblättern; der Text zerfällt dann in zwei Hälften, die einander nicht kennen. Sortier sie deshalb schon beim Gliedern an ihren Platz.

Nimm lieber zwei Argumente, die tragen, als fünf, die sich gegenseitig das Gewicht nehmen. Ich würde nie mehr als drei nehmen, und zwei sind meistens besser. Jedes bekommt seinen eigenen Absatz. Dass du beide Seiten darstellst, heißt übrigens nicht, dass beide gleich viel wiegen. Sag am Ende, welche du für die stärkere hältst, und warum.

Der Platz zwingt ohnehin zur Auswahl. Vier Seiten sind rund 2.500 Wörter. Rechne für Einleitung und Schluss je etwa 250, dann bleiben 2.000. Bei zwei Argumenten sind das je 1.000 Wörter samt Einwand und Antwort, bei drei nur noch 650. Daran sieht man ganz gut, was ein drittes Argument kostet.

Zitate sparsam

Die Jury kennt die Klassiker. Ein Zitat lohnt sich deshalb nur, wenn du es genau belegen kannst und danach sagst, was es für dein Argument leistet. Eine sinngemäße Wiedergabe in eigenen Worten ist völlig in Ordnung und zeigt oft sogar besser, dass du verstanden hast. Wörtlich zitieren solltest du dort, wo es auf die Formulierung ankommt.

Beim Schreiben

Gliedere den Text durch Absätze an den gedanklichen Einschnitten, aber nicht nach jedem einzelnen Gedanken. Zwischenüberschriften sind erlaubt und nicht nötig.

Schreib klar und diszipliniert. Füllwörter wie „eben“ oder „quasi“ kannst du streichen, ohne dass etwas fehlt. Unterscheide sauber zwischen Wissen und Meinung, etwa zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“. Nenne eine Person beim ersten Mal mit vollem Namen und danach nur noch mit dem Nachnamen. Fachausdrücke erklärst du dort, wo du sie brauchst.

Sei sparsam mit „immer“, „nie“, „alle“ und „jeder“. Ein einziger Gegenfall genügt, um solche Sätze zu erledigen.

Richte deine Kritik gegen den Gedanken und nicht gegen den Menschen, der ihn hatte. „An dieser Stelle übersieht der Text einen Fall, der seine Unterscheidung sprengt“ ist sachlich. „Der Verfasser irrt sich offensichtlich“ ist bloß laut. Und führe die Leserin ruhig mit schlichten Übergängen: „Soweit zum ersten Einwand. Der zweite wiegt schwerer.“ Das klingt unelegant und hilft ihr trotzdem mehr als jede geschliffene Überleitung.

Und keine Angst vor der leeren Seite, du darfst Fehler machen. Am Ende gilt, was auch für erfahrene Autoren gilt:

[…] es letztlich keinen Ersatz für Übung gibt, wenn man die Kunst beherrschen will, ein Stück Philosophie zu kritisieren […].

Rosenberg, Jay F.: Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger. Klostermann, Frankfurt a. M. 1986, S. 233 (engl. Orig.: The Practice of Philosophy, 1984)

Der kritische Blick auf das eigene Produkt

Wenn ein Entwurf steht, lies ihn mit den Augen deiner Leserschaft. Zwei Maßstäbe helfen dabei besonders.

Der erste: Begeisterung ersetzt keine Verständlichkeit. Ein Gedanke, der dich packt, muss auch für jemanden nachvollziehbar sein, der nicht in deinem Kopf sitzt.

Der zweite betrifft den Ton. Schwerfällige, „akademisch“ klingende Formulierungen machen einen Text nicht tiefer. Rosenberg hat dafür ein Bild gefunden, das ich seit Jahren nicht besser gelesen habe:

Vor allem sollten Sie schwerfällige ‚akademische‘ Ausdrucksweisen vermeiden. Die Philosophie hat einen Ruf in dieser Hinsicht. […] Tief mag sie ja sein, doch sollte die tiefe Klarheit eines Hochgebirgssees ihr Vorbild sein, und nicht die tiefe Undurchdringlichkeit eines trüben Sumpfes.

Rosenberg: Philosophieren, S. 82

Klarheit und Tiefe sind also keine Gegensätze. Das Buch ist übrigens von 1986, das englische Original zwei Jahre älter, und es liest sich immer noch besser als das meiste, was seither dazu geschrieben wurde. Falls deine Schulbibliothek es hat, lohnen auch die anderen Kapitel.

Ganz praktisch heißt das: Leg den Entwurf ein paar Tage weg und lies ihn dann noch einmal. Bei der Philosophie-Olympiade wird in vier Stunden geschrieben, und zum Überarbeiten bleibt am Ende kaum eine Viertelstunde. Du hast bis zum 19. November, 18 Uhr. Nutz den Vorteil. Vier Fragen lohnen sich beim zweiten Lesen:

  • Meinen Anfang und Schluss dieselbe These?
  • Trägt jeder Absatz genau einen Gedanken, nicht zwei und nicht anderthalb?
  • Stimmt die Reihenfolge? Sätze wandern beim Schreiben selten gleich an ihren Platz.
  • Was lässt sich streichen, ohne dass etwas fehlt?

Die letzte Frage bringt am meisten. Auf vier Seiten nimmt jeder Satz, der nichts trägt, einem anderen den Platz weg. Größere Passagen solltest du dagegen am Schluss nicht mehr einfügen, denn was spät dazukommt, stört meist den Gang, der bis dahin stand.

Zur Rechtschreibung: Bewertet wird, was du denkst, und nicht, wie fehlerfrei du tippst. Über einzelne Fehler sieht eine Jury hinweg, solange der Sinn klar bleibt. Da du in deiner eigenen Sprache und mit Wochen Zeit schreibst, darf man trotzdem einen sauberen Text erwarten. Lass dich von einem Komma aber nicht aufhalten.

Weiterlesen

Einige Abschnitte dieser Seite folgen dem Essay Guide der Internationalen Philosophie-Olympiade (PDF, englisch, 17 Seiten, seit 2017 online). Das ist der Wettbewerb, zu dem die beiden Besten des Bundesentscheids fahren. Wer es genauer wissen will, liest den Leitfaden im Original.

Ein Unterschied ist dabei zu beachten. Bei der Olympiade wird in vier Stunden und in einer Fremdsprache geschrieben. Was dort zum Zeitdruck steht, gilt hier nicht, denn du hast Wochen und einen Rechner. Alles Übrige gilt sehr wohl, also der Aufbau, die Behandlung von Einwänden, der Umgang mit Zitaten und die Frage, worauf eine Jury überhaupt achtet.

Der IPO-Leitfaden nennt am Ende eine Reihe von Anleitungen aus dem Universitätsbetrieb. Vier davon sind auch für einen Schulessay lesbar, alle auf Englisch. Wenn du nur eine davon liest, nimm Pryor.

Das vollständige Verzeichnis steht im Anhang des IPO-Leitfadens. Einige der dort genannten Adressen sind inzwischen nicht mehr erreichbar.

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