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Der Wettbewerb 2026/27 läuft

Einen Essay schreiben

Ein Leitfaden von den ersten Ideen bis zum kritischen Blick auf das fertige Produkt.

Ein guter Essay entsteht selten in einem Zug. Zwischen dem ersten Lesen der Vorlage und dem letzten Satz liegt ein Prozess aus Denken, Sammeln, Verwerfen und Ordnen. Die folgenden Hinweise begleiten dich durch diesen Prozess – von den ersten Ideen bis zum kritischen Blick auf das fertige Produkt. Verstehe sie als Werkzeugkasten, nicht als Checkliste, die du Punkt für Punkt abhaken musst.

Vor dem Schreiben: den Gedanken in Bewegung bringen

Beginne damit, die Textvorlage mehrmals genau zu lesen. Beim ersten Durchgang geht es um den Gesamteindruck, bei den weiteren um die Feinheiten. Sammle deine ersten Einfälle frei – zum Beispiel in einer Mindmap, in der du Begriffe, Fragen und Assoziationen locker verknüpfst.

Öffne dabei bewusst mehrere Zugänge zum Thema:

  • Persönliche Erfahrung: Was hast du selbst mit dem Problem zu tun? Welche Gefühle löst das Thema oder ein zentraler Begriff bei dir aus?
  • Wissen: Welche Kenntnisse aus dem Unterricht kannst du aktivieren?
  • Kultur und Alltag: An welche Bücher, Filme, Geschichten oder Bilder erinnert dich das Thema? Welche inneren Bilder tauchen auf?

Diese Zugänge sind Rohmaterial. Manches davon landet später im Essay, vieles nicht – aber alles hilft dir, das Thema mit eigenen Augen zu sehen.

Das Problem schärfen und eine These finden

Kläre als Nächstes, worum es eigentlich geht. Frage dich: Auf welche Frage antwortet der Text? Auf welches Problem reagiert er? Oft lohnt es sich, ein oder zwei zentrale Begriffe genauer zu fassen – anspruchsvoll wäre eine Definition, etwas weniger anspruchsvoll eine Erläuterung.

Du darfst das Thema präzisieren oder eingrenzen; sag das aber in deiner Einleitung offen. Suche dann nach dem Aspekt, der dir persönlich am Herzen liegt, und formuliere dazu – möglichst einfach und knapp – deine eigene Hauptthese. Sie ist der rote Faden, auf den alles Weitere zuläuft.

Fair denken, stark argumentieren

Prüfe, ob die Vorlage verschiedene Lesarten zulässt. Im Zweifel klärst du das und wendest dich der stärksten Deutung zu. Dahinter steht ein Grundsatz, der über den Wettbewerb hinaus gilt:

Jede Position verdient es, ernst genommen, fair behandelt und so stark gemacht zu werden, wie es nur geht.

Wer diesen Grundsatz missachtet, kämpft am Ende gegen selbst gebaute, zu schwache Gegner – und überzeugt niemanden. Trage deshalb Pro- und Contra-Argumente zusammen, zur Vorlage ebenso wie zu deinen eigenen Thesen. Ein hilfreicher Kniff: Lies die Vorlage zweimal – einmal ausgesprochen wohlwollend, einmal betont kritisch.

Achte dabei auf die Art der Fragen: Manche lassen sich empirisch klären (durch Beobachtung, Daten, Wissenschaft), andere sind Fragen der philosophischen Reflexion. Diese beiden Ebenen nicht zu verwechseln, schützt vor vielen Denkfehlern.

Zwischen Beispiel und Prinzip

Ein überzeugender Essay bewegt sich zwischen dem Konkreten und dem Allgemeinen. Veranschauliche deine Gedanken durch Beispiele – aus dem Alltag, aus Literatur oder bekannten Erzählungen, durch Bilder. Aber bleib nicht beim Einzelfall stehen: Wage auch abstrahierende Sätze, in denen du ein Prinzip oder eine Regel formulierst oder zitierst. Der Wechsel zwischen beidem macht einen Text lebendig und zugleich gedanklich tragfähig.

Aufbau mit einem Ziel

Überlege dir Typ und Aufbau deines Essays so, dass dein Ziel klar erreicht wird: die Leserin von deiner Hauptthese zu überzeugen.

  • In der Einleitung nimmst du den Leser für das Thema – und für dich – ein: Welche Frage ist zu klären?
  • Im Hauptteil führst du den Leser Schritt für Schritt und lädst ihn ein, deinen Argumenten zu folgen.
  • Für den Schluss hebst du dir einen wirkungsvollen Gedanken auf. Langweile nicht mit einer bloßen Wiederholung aus dem Hauptteil und irritiere nicht mit einem erst hier nachgereichten Argument.

Beim Schreiben

Gliedere deinen Essay durch Absätze an den gedanklichen Einschnitten – aber nicht nach jedem einzelnen Gedanken. Zwischenüberschriften sind möglich, aber nicht nötig.

Schreibe klar und diszipliniert. Verzichte auf Füllwörter wie „eben“ oder „quasi“, und unterscheide sauber zwischen Wissen und Meinung (etwa zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“).

Und keine Angst vor der leeren Seite: Du darfst Fehler machen. Am Ende gilt, was auch für erfahrene Autoren gilt –

[…] es letztlich keinen Ersatz für Übung gibt, wenn man die Kunst beherrschen will, ein Stück Philosophie zu kritisieren […].

Rosenberg, Jay F.: Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger. Klostermann, Frankfurt a. M. 1986, S. 233 (engl. Orig.: The Practice of Philosophy, 1984)

Der kritische Blick auf das eigene Produkt

Wenn ein Entwurf steht, lies ihn mit den Augen deiner Leserschaft. Zwei Maßstäbe helfen dabei besonders:

Erstens: Begeisterung ersetzt keine Verständlichkeit. Ein Gedanke, der dich packt, muss auch für andere nachvollziehbar sein.

Zweitens: Vermeide schwerfällige, „akademisch“ klingende Formulierungen. Rosenberg bringt das Ideal auf ein schönes Bild:

Vor allem sollten Sie schwerfällige ‚akademische‘ Ausdrucksweisen vermeiden. Die Philosophie hat einen Ruf in dieser Hinsicht. […] Tief mag sie ja sein, doch sollte die tiefe Klarheit eines Hochgebirgssees ihr Vorbild sein, und nicht die tiefe Undurchdringlichkeit eines trüben Sumpfes.

Rosenberg: Philosophieren, S. 82

Klarheit und Tiefe sind also keine Gegensätze. Der beste Essay ist tief und klar – wie ein Bergsee, auf dessen Grund man bis zum letzten Stein sehen kann.

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